VN02-3

lllegale nächtliche Schlachttiertransporte

von Erwin Kessler, Präsident VgT

Die Kantone Thurgau und St Gallen erteilen für nächtliche Schlachttiertransporte routinemässig Ausnahmebewilligungen vom Nachtfahrverbot für schwere Lastwagen - ohne die gesetzlichen Voraussetzungen zu prüfen. Das ist für das Departement Metzler kein Grund für ein aufsichtsrechtliches Einschreiten; eine Aufsichtsbeschwerde des VgT wurde mit einer Bla-Bla-Begründung abgewiesen.

Es ist der 8. Februar, tiefer Winter, es schneit bei minus 5 Grad Celsius. Die Landschaft ist still. Die Menschen schlafen in ihren warmen Häusern. Da geht um 00.30 Uhr in einer “Appenzeller-Käserei” im Kanton St Gallen plötzlich das Licht an. Ein doppelstöckiger Lastwagen hält vor der zur Käserei gehörenden Schweinefabrik. Die aus dem Schlaf aufgeschreckten Schweine, die noch nie im Freien waren und zeitlebens von der Welt noch nie etwas anderes gesehen haben, als die enge, verkotete, mit Schicksalsgenossen gefüllte Mastbucht im feucht-schwülen Stallklima, werden in die Kälte hinaus auf den bereitstehenden Lastwagen getrieben. Dann geht die Fahrt los - mit übersetzter Geschwindigkeit auf den menschenleeren Strassen durch Dörfer und über Land. Beim Bremsen und in den rücksichtslos rasend durchfahrenen Kurven werden die Tiere in Panik hin- und hergeworfen. Stundenlang geht das so, oft aus der Ostschweiz bis zu den Schlachthöfen in Lausanne und Genf.

Am Morgen ruft VgT-Präsident Erwin Kessler im Strassenverkehrsamt St Gallen an und wollte vom zuständigen Sachbearbeiter Koller wissen, warum für solch unsinnig weite Todestransporte Nachtfahrbewilligungen erteilt werden und weshalb die Tiere schon um 00.30 Uhr verladen werden müssen. Koller dazu: "Wenn es in den Schlachthof Bern oder Lausanne geht, muss eben früh verladen werden, damit am frühen Morgen geschlachtet werden kann. Die Konsumenten wollen das so, am Morgen frisches Fleisch." Erwin Kessler: "Frisch geschlachtetes Fleisch lässt man in Kühlräumen tagelang abhangen. Niemand verkauft am Morgen Fleisch von frisch geschlachteten Tieren. Sie erteilen offensichtlich blindlings Ausnahmebewilligungen für Nachtfahrten mit schweren Lastwagen, ohne den geringsten Sachverstand und ohne die gesetzlichen Voraussetzungen für Ausnahmebewilligungen zu prüfen."

Der Fall ist kein Einzelfall. Nacht für Nacht rasen Tiertransporter mit Ausnahmebewilligungen kreuz und quer durch die Schweiz, aus dubiosen Gründen nicht in den nächsten Schlachthof, sondern unsinnig weit und lang, von der Ostschweiz zB ins Tessin, nach Bern oder Lausanne. Die in jeder Hinsicht untaugliche Alibi-Tierschutzverordnung des Bundesrates und der von der Agro-Mafia gesteuerte kantonale Nichtvollzug setzt dieser tierquälerischen Praxis wie allen anderen gewerbsmässigen Tierquälereien keine Grenzen; die Dauer von Schlachttiertransporten ist in der Schweiz nicht gesetzlich begrenzt.

Dubios sind nicht nur die Gründe, welche die Viehhändler veranlassen, ihre Opfer in weit entfernte Schlachthöfe zu karren. Dubios - um nicht zu sagen korrupt - ist auch die amtliche Bewilligungspraxis. Im August 1995 erhoben wir beim eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement Aufsichtsbeschwerde gegen die Nachtfahrbewilligungspraxis des Kantons Thurgau, die in der üblichen nichtssagend-bürokratischen Weise abgelehnt wurde. In der Beschwerde wurde ausgeführt:

Im Kanton Thurgau werden für Tiertransporte ohne sachliche Notwendigkeit und darum rechtswidrig Nachtfahrbewilligungen erteilt, um der Agro- und Fleischlobby Vorteile zu verschaffen. Am 16. Juli 1994 haben wir dem Bundesamt für Polizeiwesen deswegen eine Aufsichtsbeschwerde eingereicht, welche "zuständigkeitshalber" dem beschuldigten Kanton Thurgau zur Erledigung weitergeleitet wurde. Dieser hat inzwischen die Aufsichtsbeschwerde abgewiesen und hält an seiner bundesrechtswidrigen Praxis fest. Da das Bundesamt schon damals (telefonisch) signalisiert hat, dass es die Thurgauer Praxis begrüsst und für eine "Liberalisierung" der Nachtfahrten - wie es hiess - eintritt, halten wir es für sinnlos, uns jetzt zuerst nochmals an dieses Amt zu wenden.

Beobachtungen des VgT haben ergeben, dass es jeweils schon kurz nach Mitternacht losgeht mit den Tiertransporten, oft quer durch die ganze Schweiz in weit entfernte Schlachthöfe. Es gibt keine sachliche Rechtfertigung für diese Nachtfahrten, wie sie das Strassenverkehrsgesetz für Bewilligungen voraussetzt, denn es gibt auch keinen zwingenden Grund, warum das Schlachten in den frühen Morgenstunden geschehen muss, es sei denn, dass die Transporteure und Schlächter das Tageslicht und die Öffentlichkeit scheuen. Diese Todestransporte in dunkler Nacht, von der Öffentlichkeit unbemerkt abzuwickeln, ist kein rechtsgenügender Grund für Ausnahmebewilligungen vom Nachtfahrverbot, ebensowenig der Wunsch der Fleischlobby, die nächtlich leeren Strassen ganz allein für sich zu haben und mit regelmässig übersetzter Geschwindigkeit Zeit zu sparen. Die von uns beobachteten Transporter rasen mit 80 bis 100 km/h innerorts durch die schlafenden Dörfer. Diese rücksichtslosen Nachtfahrten sind auch nicht, wie von der Thurgauer Regierung behauptet, im Interesse der Tiere, welche - brutal mit Elektrotreibern aus dem Schlaf gerissen und auf die Fahrzeuge gejagt - in den Kurven hin- und hergeworfen und in Angst und Panik versetzt werden. (Die vollständige Beschwerde finden Sie im Internet unter www.vgt.ch/news/990823.htm).

Der Empfang dieser Beschwerde wurde mit dem Hinweis bestätigt, man werde "darauf demnächst zurückkommen". Nach dreieinhalb Jahren reklamierten wir, dass wir immer noch auf dieses "demnächst" warten. Darauf hat das Departement Metzler die Sache "erledigt", offensichtlich ohne jahrelanges Nachdenken: eine Seite bürokratisches Blabla. Was die Agromafia und ihre Vertreter in den staatlichen Verwaltungen treiben, ist ein Tabu. Daran mag sich die dynamisch-jugendlich auftretende Bundesrätin Metzler ebenso wenig die Finger verbrennen wie ihre Vorgänger. Darum: Essen Sie heute vegetarisch - Ihrer Gesundheit und den Tieren zuliebe!


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