Natürlich 10/1993

Das Kuhglück hängt vom Auslauf ab

Erwin Kessler über die Opfer der staatlichen Agrar-Politik

 

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Auf dem Weg zur Weide: die Leitkuh mit der Glocke führt die Herde.

 

Die Milchkuhhaltung ist einer der bestsubventionierten landwirtschaftliclhen Erwerbszweige in der Schweiz. Kein Wunder, dass zuviel Milch produziert wird. Die Milchkontingentierung hat nicht verhindern können, dass heute immer noch alle Jahre wieder über eine Milliarde Steuerfranken für die Verwertung der Überschussmilch aufgewendet werden muss, unter anderem für Exportverbilligungen: Der Schweizer Steuerzahler subventioniert die Käsekonsumenten in Amerika. Wenn dies der Erhaltung einer tier- und umweltfreundlichen einheimischen Landwirtschaft zugute käme, könnte man sich damit abfinden. Aber was für eine Milchwirtschaft wird derart unterstützt?

Die meisten Kühe verbringen den grössten Teil ihres Lebens angebunden im Stall, häufig ohne Stroheinstreu und durch Elektrobügel («Kuhtrainer») beim Aufstehen und beim Sich-lecken gefoltert. Nur in wenigen Betrieben erhalten die Tiere wenigstens im Sommer täglich Auslauf oder Weidegang. Fast alle Kühe bleiben zumindest über das Winterhalbjahr angebunden; nur weil es dann kein Gras auf der Wiese hat, dürfen sie sich nicht bewegen. In der Bio-Freiland-Tierhaltung ist täglicher Auslauf vorgeschrieben. Das gibt gesündere Tiere und weniger Medikamenteneinsatz. Bio-Milch und -Milchprodukte, die mittlerweile in vielen Reformhäusern erhältlich sind, sind aber nicht nur gesünder, der Konsument trägt damit auch wesentlich zum Schutz der Tiere und der Umwelt (keine Überdüngung) bei. 

 

Subventionen für Tierquäler

In konventionellen Betrieben im Mittelland verbringen rund dein Drittel aller Kühe das ganze Leben angekettet. Jeder Landwirt, der ein Milchkontingent hat, hält daran fest und produziert Milch, was das Zeug hält, auch dann noch, wenn er schon das ganze Weideland an Bodenspekulanten verkauft hat oder seinen Mercedes nur dadurch bezahlen kann, dass er bis vor die Stalltüre jeden Quadratmeter intensiv ackert. Das Tierschutzgesetz bleibt toter Buchstabe: der Auslaufvorschrifi für angebundenes Rindvieh wird in vielen Kantonen kaum nachgelebt; in den Kantonen Zürich, Schaffhausen und Solothurn sogar offiziell nicht. Vielen Bauern in den Hügel- und Bergzonen fehlt nicht der Platz, sondern das Milchkontingent, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Das fehlende Milchkontingent besitzen reiche Ackerbaubetriebe ohne Weideland im Talgebiet.

Bei schönstem Mai-Wetter fuhren wir durchs Zürcher Unterland: Grosse Äcker bis zu den Waldrändern, schöne idyllische Dörfer. Nur ganz vereinzelt ein paar junge Rinder auf der Weide. Gibt es hier keine Kühe? Doch. In Bachs zum Beispiel (andernorts ist es ähnlich) weiden nur 2 oder 3 der 13 Bauern gelegentlich ihre Kühe ein bisschen. Kein Wunder, der letzte Quadratmeter in diesen Landstrichen ist geackert. Die reichen Bauern hier sind Doppelverdiener: Ackerland, soweit das Auge reicht. Die Kühe verbringen ihr trauriges Leben tagein, tagaus, jahrein, jahraus an kurzer Kette. «Sie geben so genau gleichviel Milch», meint ein Bauer, der offen zu verstehen gibt, dass seine Kühe nie aus dem Stall kommen, während sein Sohn gerade mit dem Traktor Gras in die Scheune fährt. «Sollen wir denn auf der Strasse weiden?» wirft seine Frau vorwurfsvoll dazwischen und antwortet auf weitere Fragen: «Nein, hinter dem Stall geht es auch nicht, da haben wir Erdbeerkulturen gepflanzt.» Tatsächlich, die grosse grüne Fläche hinter dem Stall ist keine Wiese, sondern ein riesiges Erdbeerfeld. «Wie wäre es denn, wenn wenigstens der Vorplatz als Laufhof genutzt würde?» fragen wir. «Da müssten wir ja immer das Tor auf- und zumachen», entgegnet der Bauer entrüstet.

Hier werden die Tiere also ganz klar vorschriftswidrig gehalten. Artikel 18 der Tierschutzverordnung verlangt: «Rindvieh, das angebunden gehalten wird, muss sich zeitweilig ausserhalb des Standplatzes bewegen können.» Bei diesem Dorf-Betrieb ist der Fall eindeutig - nicht jedoch für das kantonale Veterinäramt, welches dem Verein gegen Tierfabriken (VgT) auf eine Anzeige hin schrieb, auch Bachs sei überprüft worden: «Aufgrund der durch Ihre Meldungen veranlassten zusätzlichen Abklärungen deckten wir keinen einzigen Mangel auf, der uns nicht bereits bekannt war.» Die gesetzwidrigen Missstände sind dem Veterinäramt bekannt, aber unternommen wird nichts. Solche Dorfbetriebe mit verkehrsreichen Strassen müssen sich nach Auffassung des Zürcher Veterinäramtes nicht an die Tierschutz-Vorschriften halten. In Schaffhausen, Solothurn und einigen weiteren Kantonen ist man gleicher Auffassung. Dass in solchen Fällen nach Gesetz wenigstens ein Laufhof oder Laufstall einzurichten wäre, wird für wirtschaftlich unzumutbar gehalten. Tierschutz gilt überhaupt als eine Zumutung, denn er bringt keine direkte Rendite. In anderen Fällen duldet das Veterinäramt Betriebe, welche ihre Tiere schon seit über 10 Jahren vorschriftswidrig halten, weiterhin mit der Begründung, diese Betriebe würden längerfristig aufgegeben. Auch der Solothurner Kantonstierarzt masst sich solche Ausnahmebewilligungen ohne Rechtsgrundlage an. Ein «sofortiges Tierhalteverbot» sei bei solchen Betrieben unverhältnismässig, schrieb er. 10 Jahre sind für Beamte offenbar «sofort»! 

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Für viele Kühe und Kälber lebenslänglich nur ein Traum: Auf der Weide

 

Behörden und Tierhalter missachten das Tierschutzgesetz

Es sind nicht nur Dorfbetriebe, welche ihre Kühe vorschriftswidrig halten. Die meisten Betriebe in Bachs sind aufs offene Feld ausgesiedelt. Rund um das Dorf liegen stattliche Bauernhöfe in der Landschaft. Grosszügige Subventionen haben ihnen diese Aussiedlung ermöglicht. Grosse Felder rund um den Hof, aber alles Äcker! Das bringt mehr ein als Viehweiden. Weit und breit kein Kuhschwanz im Freien, auch keine eingezäunten Weiden. Wie schafft es die Bauernschläue, sich ungestraft so offensichtlich über Artikel 18 der Tierschutzverordnung hinwegzusetzen? Dieser Frage gingen wir nach und schauten uns auf verschiedenen Höfen um. Bald fanden wil das Rezept: Im Frühjahr heisst es, man weide dann im Herbst, im Herbst heisst es, man habe im Frühjahr geweidet. Bei verschiedenen Höfen fanden wir kleine eingezäunte Koppeln hinter dem Stall, in denen aber dieses Jahr offensichtlich noch nie ein Rindvieh herumgestampft war und die eher als Rindli-Weiden denn als Weide für 15 oder 20 Kühe taugen. «Die Beamten sind zufrieden, wenn wir ihnen dies vorzeigen», meint ein Bauei grinsend, und anderswo schreit uns eine Bauersfrau an: «Wir haben dieses Frühjahr schon geweidet!» «Wie lange denn?" wollen wir wissen. Sie drückt und windet sich: «Wenn wir Zeit haben, und wenn es das Wetter erlaubt.» Jetzt habe es schon zu viele Mücken («jetzt» war gerade Mai). Wir entgegnen, sie könnte doch nachts weiden, wie das in Weidegebieten oft gemacht werde, wenn es zu heiss sei und tagsüber zu viele Insekten habe.

Apropos Zeit: Wir haben bei verschiedenen Weidebetrieben im Voralpengebiet die Zeit zum Eintreiben der Kühe von der Weide gestoppt. Vom Moment an, wo die Bauerstochter mit dem Velo losfuhr, bis die letzte Kuh im Stall angebunden war, dauerte es weniger als eine Viertelstunde. Die weidegewohnten Kühe gehen brav und ohne Schwierigkeiten zu ihrem Platz im Stall; ein Griff an der Zentralverriegelung, ein nettes Kraulen am Kopf der Kuh, und das Ganze ist erledigt, Tiere und Bauersleute zufrieden. Ein Zufall, dass diese Bauersleute, weniger wohlhabend als ihre Berufskollegen in Bachs, zufriedener dreinschauen? Aber es gibt eben auch unter den Landwirten Nimmersatte, die nie genug bekommen können, die den letzten Quadratmeter ackern müssen und dazu noch Milchkühe halten, in Dauer-Stress geraten, unzufrieden werden - Geld allein macht bekanntlich nicht glücklich - und dann lauthals über den Tierschutz fluchen!

Die Veterinärbeamten, die den Vollzug des Tierschutzgesetzes seit über 10 Jahren vernachlässigt haben, sind jetzt gleichermassen wie die Tierhalter daran interessiert, Missstände abzuleugnen. Deshalb wird willkürlich alles als gesetzeskonform ausgelegt. Kürzlich schrieb mir eine Frau zu einem Fall im Zürcher Oberland, bei dem nach langem Kampf um dauernd angebundene Kühe endlich die Erstellung eines Laufhofes verfügt wurde:

Sehr geehrter Herr Kessler,
als erstes möchte ich Ihnen ganz herzlich zu diesem Erfolg gratulieren. Erfolge sind in Ihrem Tätigkeitsbereich ja leider sehr dünn gesät. Der oben erwähnte Fall spricht mich persönlich an, weil ich als direkter Nachbar dieses Bauern aufgewachsen bin und 20 Jahre lang dieses Elend mitansehen musste. Es kam mir schon als kleines Kind pervers vor, dass ein Bauer mit sehr viel Wiesland, direkt um seinen Hof gelegen, seine Kühe nie weiden lässt. Ich habe im Laufe meiner 20 Jahre Nachbarschaft öfter versucht, mit ihm darüber zu reden - natürlich ohne Erfolg. Um so grösser war jetzt meine Freude, zu lesen, dass er gebüsst wurde. Lieber spät als gar nie!»

Die Geschichte dazu: Eine Anzeige beim kantonalen Veterinäramt zeigte keine Wirkung. Deshalb reichte der VgT eine Strafanzeige auch gegen die Veterinärbeamten ein, wegen ungetreuer Amtsführung und Begünstigung. Aber erst auf Intervention des kantonalen Tierschutzanwaltes wurde dann endlich eine minimale Massnahme verfügt. Gebüsst wurde dieser rücksichtslose Landwirt trotz massivem Vorstoss gegen das Tierschutzgesetz nicht. Er musste lediglich ein paar Pfähle in den Boden schlagen und Latten daran nageln, und fertig war der angeordnete «Laufhof». Weil aber dieser Tierquäler nicht gebüsst wurde, wurden ihm auch keine Subventionen gekürzt, denn der Agro-Filz in den Landwirtschaftsämtern des Bundes und der Kantone stellt sich auf den Standpunkt, dazu bedürfte es einer «rechtskräftigen strafrechtlichen Verurteilung» - was es praktisch nie gibt, obwohl landauf, landab Tierschutzvorschriften offen missachtet werden.

Fazit: Gewisse kantonale Veterinär- und Landwirtschaftsbehörden tun alles, was in ihren Möglichkeiten steht, um solchen Tierquälern gesetzwidrig Bundessubventionen zu entrichten und sie vor Strafe zu schützen. Nicht verwunderlich bei der personellen Verfilzung von Landwirtschaftsämtern und Agrar-Lobby! Zum Beispiel hat der Zürcher Regierungsrat kürzlich den Sekretär des Zürcher Bauernverbandes - einen eingefleischten Tierschutzgegner - zum Chef des Landwirtschaftsamtes ernannt. Neuerdings erteilt das Veterinäramt, gedeckt vom Zürcher Regierungsrat, dort, wo die Missstände nicht mehr geleugnet werden können, «befristete Ausnahmebewilligungen», die immer wieder erneuert werden und Artikel 18 der eidgenössischen Tierschutzverordnung (Auslauf-Vorschrift) kurzerhand aufheben. Der vom Regierungsrat angestellte Zürcher Tierschutzanwalt betrachtet dies als im Ermessen der Vollzugsbehörden liegend - und dies, nachdem diese Missstände bereits seit 1981 gesetzwidrig sind! Er wäre wohl nicht mehr lange Tierschutzanwalt, wenn er gegen seinen Arbeitgeber, den Zürcher Regierungsrat, klagen würde. Tatsache ist aber, dass solche Ausnahmebewilligungen klar gesetzwidrig sind: Das geht aus dem Standardwerk «Schweizer Verwaltungsrechtssprechung» von Max Im boden und René A. Rhinow deutlich hervor. Mitautor und Ständerat Rhinow hat uns ausdrücklich bestätigt, dass Ausnahmebewilligungen zur Auslaufvorschrift nicht erteilt werden dürften. Sie sind auch politisch-volkswirtschaftlich unsinnig, weil der Steuerzahler ja ohnehin schon jährlich über eine Milliarde Franken für die Verwertung des Milchüberschusses hinblättern muss. Dem Dauerleiden angeketteter Tiere steht auf der Seite der Tierhalter schlimmstenfalls nur gerade die Unbequemlichkeit eines Berufswechsels gegenüber. Gerade Talbetrieben stehen jedoch auch Alternativer wie Ackerbau, Spezialkulturen, Direktvermarktung oder Nebenerwerb offen.

Das Bundesamt für Veterinärwesen (BVet) legt Tierschutzvorschriften stets zugunsten der Bauern und zuungunsten der Tiere aus. Seine unhaltbare "Konkretisierung" der Weidevorschrift mit «60 Tagen pro Jahr» ist nur ein Beispiel unter vielen. Diese Zahl wurde offensichtlich so niedrig angesetzt, damit die Einhaltung der Auslaufvorschrift kaum mehr kontrollierbar ist, denn die Tierschutzvorschriften haben insgesamt nicht den Sinn, die Tierhaltungspraxis zu verbessern sondern nur die Öffentlichkeit zu beruhigen mit dem angeblich «besten Tierschutzgesetz der Welt». Das Bundesamt für Landwirtschaft unternimmt auch dort nichts, wo dies vom geltenden Recht klar gefordert wird: In der bundesrätlichen Verordnung über Beiträge an Tierhalter heisst es in Artikel 2, Absatz 5: «Nicht beitragsberechtigt ist ferner, wer gegen die Vorschriften der Tierschutz- oder Gewässerschutzgesetzgebung verstösst.» Wie das Tierschutzgesetz selbst, bleibt auch diese Vorschrift toter Buchstabe.

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Mit Subventionen gefördert: Von klein auf dauernd an kurzer Kette:   vorschriftswidrig und tierquälerisch

Tierschutzorganisationen sind nicht legitimiert, gegen solche Missstände den Richter anzurufen. Die Verwaltungsbürokratie und die Agrar-Lobby machen unter sich aus, wie, wo und wann Tierschutzvorschriften vollzogen bzw nicht vollzogen werden. Der für die Landwirtschaft massiv zur Kasse gebetene Bürger und Steuerzahler durfte vor 14 Jahren einem Tierschutzgesetz zustimmen, das aber über weite Strecken ohne Folgen bleibt. In der realen Demokratie haben vom Volk gegen den Willen des herrschenden Regimes erzwungene Beschlüsse keine praktische Bedeutung, so geht es aucl beim EWR-Nein: Trotz diesem Nein geht die Anpassung an die EU weiter, und seit dem 1. Januar 1993 sind die skandalösen transkontinentalen Schlacttiertransporte auch durch die Schweiz hindurch grundsätzlich erlaubt. Dieser vom VgT enthüllte Skandal wurde praktisch von der ganzen Schweizer Presse unterdrückt, um die laufende politische Umerziehung des Stimmvolkes bis zur nächsten EU-Abstimmung nicht zu stören. 

 

Wirtschaftslobby blockiert Tierschutz

Es ist kein Geheimnis, dass die eidgenössischen Parlamentarier hauptsächlich Interessenvertreter sind, und zwar geht es meist um wirtschaftliche Interessen. Für Tierschutzfragen nehmen sich nur wenige Idealisten Zeit. So ist es nicht erstaunlich, dass sämtliche Tierschutzvorstösse im National- und Ständerat vom Bürgerblock mit konstanter Regelmässigkeit abgeschmettert werden. Der VgT hat den Nationalrat kürzlich in einer Petition ersucht, denjenigen Betrieben das Milchkontingent zu streichen, welche ihre Kühe nicht weiden: Damit wäre auf einen Schlag sowohl das für den Steuerzahler kostspielige Überschussproblem gelöst als auch den leidenden Tieren geholfen. Solche Vorstösse scheitern jedoch regelmässig an der konservativen Mehrheit in der Bundesversammlung.

Fressen, Aufstehen und Hinlegen ist für die Opfer dieser einseitig wirtschaftsorientierten Politik der ganze Lebensinhalt. Tägliche Bewegung auf der Weide oder im Laufhof wäre für das Wohlbefinden unerlässlich und kann durch nichts anderes ersetzt werden. Dies wird wohl niemand ernsthaft bestreiten, der schon einmal die übermütigen Sprünge selbst älterer Kühe beim Weideaustrieb im Frühjahr gesehen hat. Deshalb lässt die Tierschutzverordnung bei dieser Vorschrift keine Ausnahme zu, und von der landwirtschaftlichen Beratung wird ein ganzjähriger Auslauf, auch im Winter, empfohlen. Nichtsdestotrotz hat der Schaffhauser Landwirtschaftsdirektor eine Revision der Tierschutzverordnung verlangt, um Dorfbetrieben die Daueranbindehaltung ohne Auslauf offiziell zu erlauben, anstatt ihnen bei der Aussiedlung aus dem Dorf oder beim Berufswechsel zu helfen.

 

Das Tierschutzgesetz - eine Illusion

Wo der Bundesrat in der Verwässerung des vom Volk beschlossenen Tierschutzgesetzes nach Meinung einiger Kantonsregierungen nicht weit genug gegangen ist, machen diese mit dem Tierschutzgesetz, was sie wollen - und das nicht zum Wohle der Tiere. Das Bundesamt für Veterinärwesen und der Bundesrat, welche die Oberaufsicht über den Tierschutzvollzug ausüben sollten, schauen untätig zu. Eingaben und Aufsichtsbeschwerden werden regelmässig als «haltlos» abgewiesen oder gar nicht beantwortet. Trotz landesweitem Vollzugsnotstand hat das Bundesamt noch nie von der Möglichkeit der Amtsklage Gebrauch gemacht. Vermutlich wird erst dann Bewegung in diese Missstände kommen, wenn der Steuerzahler eines Tages nicht mehr bereit ist, hierfür jährlich Milliarden-Beträge hinzublättern oder wenn die Konsumenten tierische Lebensmittel immer mehr zu meiden beginnen. Ein Lichtblick: Seit 1985 besteht ein anhaltender Trend zu fleischarmer Ernährung, der sich jedes Jahr statistisch im rückläufigen Fleischkonsum äussert.

Das Bundes amt für Landwirtschaft schrieb auf eine Eingabe, ein Entzug des Milchkontingents sei bei vorschriftswidriger Tierhaltung «zurzeit nicht möglich, da ohne Rechtsgrundlage». Und Bundesrat Jean- Pascal Delamuraz seinerseits ist nicht bereit, diese Rechtsgrundlage zu schaffen, denn die Streichung des Milchkontingents bei Nichteinhaltung der Tierschutzvorschriften sei als extreme Lösung abzulehnen. Er ziehe es vor, andere Mittel zur Durchsetzung der Tierschutzvorschriften einzusetzen. Nachdem diese «anderen Mittel» jedoch nun schon seit über 10 Jahren ihre Wirkung verfehlen, befriedigt diese Antwort wohl kaum jemanden in der Schweiz ausserhalb der Agro-Lobby. Eine repräsentative Meinungsumfrage hat kürzlich ergeben, dass eine überwiegende Mehrheit der Schweizer Bevölkerung mehr Sympathie hätte für ein regelmässiges Weiden der Kühe als für die vom Bundesrat kürzlich verfügte Milchpreissenkung, welche alle Landwirte - mit oder ohne Weide - gleichmässig trifft. 

 

Anständige Bauern brauchen Unterstützung

Verschiedene Zuschriften von Bauern, welche ihre Kühe fleissig weiden und sich von ihren bequemeren Berufskollegen distanzieren, zeigen, dass die Aktivitäten des VgT durchaus nicht bauernfeindlich sind. Ein Bauer sagte, früher sei er von seinen Kollegen ausgelacht worden, weil er die Kühe immer weide. «De Älpler hät wieder d'Chüe dusse!», sei ihm nachgerufen worden. Er freue sich, dass endlich etwas gegen diejenigen unternommen werde, welche ihre Tiere aus Bequemlichkeit dauernd an der Kette hielten.

Es ist bedauerlich, dass unter dem Kampf gegen die verbreiteten Missstände in der Tierhaltung, gegen die viel zu schwachen Vorschriften und den in vielen Kantonen nicht funktionierenden Vollzug die gesamte Bauernschaft leidet. Solange aber der Schweizer Bauernverband und die Tierhaltervereinigungen nicht endlich klar und deutlich eine konsequente Verwirklichung des Nutztierschutzes unterstützen, bleibt nichts anderes übrig, als die Offentlichkeit und die Konsumenten auf das unendliche Leid aufmerksam zu machen, das mit der Gewinnung tierischer Lebensmittel verbunden ist.

Der Konsument kann die anständigen Landwirte unterstützen, die Tiere und die Umwelt und auch seine eigene Gesundheit schützen, indem er konsequent Bio-Freilandprodukte vorzieht: KAG-Freilandfleisch und Bio-Milch.


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