8. Oktober 1999

Der Vegetarierverein SVV versucht seine Konsumententäuschung zu verschleiern

(Zur Vorgeschichte: news/991005.htm, Hintergrund: Die Tragödie der "glücklichen" Schweizer Hühner)

Der Vegetarier-Verein SVV will nicht auf das Geschäft mit Konsumententäuschungen verzichten, wie er heute in einer Stellungnahme bekannt gab. Wenn ihnen Lizenzgebühren für ihr Vegetarismus-Label (V-Label) winken, machen diese Extrem-Vegetarier sogleich einen ethischen Kopfstand und geben ihr Label für Migros-Produkte mit Tierquäler-Zutaten her. Anstatt diese krumme Sache schleunigst fallen zu lassen, reagiert der SVV mit Abstreiten, Verschleierungen und persönlichen Attacken.

Der SVV tritt als Vereinigung auf, die einen konsequenten, strengen Vegetarismus (Veganismus) propagiert. Bei Auftritten in der Öffentlichkeit geht es SVV-Präsident Renato Pichler nicht um mehr oder weniger artgerechte Tierhaltung; darüber diskutiert er schon gar nicht. Vehement richtet er sich gegen das Töten von Tieren und damit gegen die Nutztierhaltung überhaupt. Wenn ein Lebensmittel mit dem vom V-Label - das der SVV als Vereinslogo verwendet - gekennzeichnet ist, muss der Durchschnittskonsument annehmen, dieses Produkte werde empfohlen auf der Bais dieses strengen, öffentlich zur Schau getragenen hohen ethischen Haltung gegenüber dem Umgang mit Nutztieren. Wenn der SVV dieses Label dann aber im krassen Gegensatz zu seiner sonst immer propagierten Tierschutz-Ethik für Tierquäler-Produkte vergibt, dann ist das unlauterer Wettbewerb.

Bis vor wenigen Tagen hat der SVV mit seinem Label völlig wahrheitswidrig ausdrücklich "garantiert", dass die damit gekennzeichneten Produkte "nicht aus tierquälerischer Massentierhaltung stammen", sondern aus "artgerechter Tierhaltung". Als der VgT den Schwindel aufdeckte (siehe VgT-News vom 7.10.99), liess der SVV diese Garantie einfach fallen, von einer Stunde auf die andere. Da stellt sich die Frage: Was wird hier für Schindluderei mit dem Konsumenten getrieben, dass Label-Garantien, offenbar ohne Rücksprache mit den Lizenznehmern, so mir nichts dir nichts abgeändert werden können, sobald ihre Unwahrheit aufgedeckt wird? Obwohl er damit ultraschnell der Kritik des VgT Rechnung getragen hat (allerding leider in einer falschen Richtung), behauptet der SVV kaltblütig, die Kritik des VgT sei "falsch und haltlos". Während der SVV hintenherum rasch die als unwahr entlarvten Label-"Garantien" (teilweise) verschwinden liess, reagiert der SVV nach aussen mit Abstreiten und  "Richtigstellungen" zur angeblich "falschen und haltlosen" Kritik des VgT. Das ginge ja noch, wenn der SVV - um sein Gesicht zu wahren - seine Label-Garantien verbessert hätte. Statt dessen lässt der SVV die Label-Garantien, die bisher nur vorgetäuscht waren, einfach fallen. So einfach geht das. Wenn die Garantien als vorgetäuscht entlarvt werden, verzichtet man auf diese Garantien, aber das Label wird fleissig weiterverwendet.

Der SVV hat von der Zusammenarbeit mit Migros - die er als "gute Kooperation mit den Migrosverantwortlichen" rühmt - bereits viel an Desinformations-Taktik gelernt:  Abwiegeln und Verschleiern,  mit Unwahrheiten und Halbwahrheiten  bis hin zu perfiden persönlichen Attacken. Hemmungslos bestreitet der SVV, es habe aufgrund der VgT-Kritik je eine Abschwächung der Label-Garantien gegeben:

"Ausser dem Verbot von Batterieeiern enthält das Reglement keine garantierten tierschutzrelevanten Bestimmungen."

Was der SVV bisher an Konsumententäuschungen über sein Label verbreitete - "nicht aus tierquälerischer Massentierhaltung", "aus artgerechter Tierhaltung" -  sollen nun plötzlich völlig bedeutungslose "falsch formulierte Aussagen" gewesen sein. Massgebend sei immer gewesen, was im Label-Reglement stehe - als jeder Konsument dieses unbekannte Reglement in der Tasche mit sich herumtragen würde und sofort erkennen könnte, dass der SVV krass unwahre Versprechungen und Garantien verbreitet. Der Konsument ist also selber schuld, wenn er sich das unbekannte Regelement nicht beschaffte um festzustellen, dass die Informationen des SVV über sein Label völlig falsch war, der Konsument habe mit diesem Label die "Sicherheit", dass die Zutaten aus "artgerechter Tierhaltung" kämen.

Mit obiger Feststellung gibt der SVV zu, dass sein Label bei weitem nicht den ethischen Wertvorstellungen entspricht, welche der SVV sonst verbreitet und welche die Konsumenten natürlich auf das Label projizieren und von den ausgezeichneten Produkten erwarten. Das ist aus rechtlicher Sicht unlauterer Wettbewerb.

Zudem ist die Minimal-Garantie "keine Batterieeier" nach den bisherigen Erfahrungen mit diesem Label höchst unglaubwürdig. Wie der SVV - ein kleiner Verein - das Migros-Monster diesbezüglich kontrollieren  will, wie er die verschlungenen Wege der Eier von den Legebetrieben bis zur Herstellung von Eimasse,   das Abfüllen und Beschriften der Behälter, deren Transport über mehrere Umschlag- und möglicherweise Umpackstationen und dann durch die Lebensmittelfabriken der Migros bis zum Endprodukt überwachen will - und sei es auch nur stichprobenweise -, das hat der SVV bisher nicht offenlegen können. Statt dessen versucht er es mit Andeutungen über seine "internationalen Kontakte". Unsere Beobachtungen in den letzten Jahren zeigen, dass der SVV nicht einmal den Versuch einer Kontrolle der Label-Garantien unternommen hat, dass vielmehr beim SVV nicht einmal bekannt war, auf welchen Migros-Produkten das Label überhaupt verwendet wird! Man habe halt wegen den Vorbereitungen zum Vegetarierkongress keine Zeit gehabt, sich um diese Sache zu kümmern. Der SVV hatte also bisher die Verwendung seines Labels nicht einmal administrativ im Griff;  sachliche Kontrollen zur Sicherstellung der "garantierten" angeblichen "Sicherheit" für den Konsumenten war deshalb im vornherein gar nicht möglich.  Grossspurige Versprechen an die Konsumenten, Abschluss von Lizenzverträgen und Kassieren der Lizenzgebühren scheint so ziemlich alles zu sein, was der SVV konkret tut. Da nützt es auch nichts, wenn der SVV versichert:

"Der SVV sind die Adressen aller Produzenten aller Produkte mit dem V-Label bekannt. Die Lieferanten aller Eiprodukte liegen mit Adresse bis zurück zu den einzelnen Hühnerfarmen der SVV vor."

Woher weiss der SVV, dass ihm Migros die richtigen Lieferanten angibt und nicht nur Vorzeigebetriebe? Man kann natürlich Angaben von Migros einfach glauben und die dauernden Berichte über täuschende Migros-Werbungen ignorieren. Dann braucht es aber auch kein Label, dann genügt es, wenn Migros gross "vegetarisch" und "keine Käfigeier" auf seine Produkte schreibt. Das soll dann glauben, wer will: auch der SVV mag das dank der "gutten Kooperation mit den Migrosverantwortlichen" und deren Schmeicheleien einfach glauben, aber wenn er dann aufgrund lediglich dieses naiven, bestechlichen Glaubens (Lizenzgebühren!) "garantiert", dass das alles mit Sicherheit stimmt, was die lieben Migros-Verantwortlichen sagen, dann handelt der SVV ganz klar unlauter,  und das ausgerechnet für Tierquälerprodukte, zu deren Bekämpfung der VgT dauernd grosse Anstrengungen unternimmt. Wie schlimm die Bodenhaltung von Hühnern und die Massen-"Freilandhaltung" von Legehennen der Migros aussehen, hat der VgT schon mehrmals aufgedeckt. Die Garantie, dass V-Label-Produkte abgeblich keine Käfig-Eier enthalten, ist ein deshalb ein schwacher Trost, selbst wenn man das glauben könnte.

Obwohl der SVV in der heutigen Stellungnahme behauptet, allein das (bisher unbekannte) Label-"Reglement" sei massgebend für die Label-Garantien, nicht was der SVV sonst noch alles verspreche, werden in dieser Stellungnahme sogleich neue Versprechen, die über das Reglement hinausgehen, gemacht: "meistens" seien es nicht nur Bodenhaltungs- sondern (Migros-)"Freilandeier". Wenn der VgT morgen nachweist, dass auch das gelogen ist, heisst es dann wohl wieder, nur das Reglement sei massgebend, die Kritik des VgT "falsch und haltlos".

Es ist ethisch weit eher verantwortbar, Bio-Weide-Beef zu essen als die vom SVV per Label ausgezeichneten Ei-Produkte, selbst wenn es Migros-"Freilandeier" sind.. Darum ist das Label in jeder Hinischt verfehlt und unehrlich. Es fördert eine Art von Pseudo-Vegetarismus, der nahe demjenigen steht, welcher Fisch und Geflügel auch noch als vegetarisch betrachtet. Tatsächlich ist ethisch kaum ein Unterschied zwischen einem Suppenhuhn und einem Migros-Ei. Diese Konsumententäuschung mit einem unnötigen, irreführenden neuen Label muss scharf bekämpft und entlarvt werden; wehret den Anfängen!

Der SVV führt in seiner Stellungnahme von heute an, das Label sei zum Nutzen der "Vegetarier" da. Der Markt für vegane Produkte sei zu klein. Erschütternd, wie sich der SVV das profitorientierte Migros-Denken zu eigen gemacht hat. Der Migros - das grosse Vorbild für den kleinen SVV. Bisher dachte ich immer, es sei auch das wichtige Anliegen des SVV, nicht nur des VgT, den Markt für vegane Produkte zu vergrössern, nicht sich einfach mit der "Realität" abzufinden, dass es halt nur wenige Veganer gibt. Sonst können wir uns gleich auch mit der Realität abfinden, dass halt die meisten Menschen Fleisch essen. Also bitte ein Label her für "ovo-lakto-beef-vegetarische" Produkte, oder noch besser auch für geflügel- und fisch-vegetarische, dann ist der Markt noch grösser!

Aufgeschlossene und informierte Vegetarier bevorzugen meistens vegane Produkte, sofern erhältlich, und greifen zu ei-haltigen Produkten, weil grad keine Alternative in Sicht ist. Das V-Label als Vegan-Garantie hätte Sinn und Vernunft und wäre auch nicht mit der fast unmöglichen Aufgabe belastet, Tierhaltungen zu kontrollieren.

Der Mark für vegane Produkte sei zu klein - diese vom SVV übernommene Migros-Sprache zeigt mit aller Deutlichkeit, um was es in Wirklichkeit geht: um Geld und Umsatz.

"Die SVV bezieht ihre Informationen durch ihr weites nationales und internationales Kontaktnetz nicht nur von der Migros. Sie arbeitet mit anderen Vegetarier-Organisationen in ganz Europa zusammen und pflegt einen regen Informationsaustausch. Ausserdem werden Produzenten und Lieferanten der Migros auch direkt kontaktiert."

Klingt gut. Wie man Konsumenten mit grossspurigen Phrasen täuscht und desinformiert, hat man beim SVV offensichtlich gelernt. Ein "Internationales Kontaktnetz", überall auf der Welt hat der SVV seine Leute und Informanten und damit den Warenfluss kreuz und quer durch Europa bis in die Verkaufsgestelle der Migros-Filiale Niederhelfenschwil fest im Griff. Für den international vernetzten SVV mit seinem qualifizierten Mitarbeiterstab aus Chemikern, Biologen, Juristen und  Tier- und Konsumentenschützern kein Problem, einem kleinen Fisch wie Migros auf die Finger zu schauen. Wirklich ganz toll. Und es werden sogar mit Lieferanten der Migros direkte Kontakte aufgenommen! Wirklich ganz toll, zum Kotzen toll, diese Sprüche.

Nach dem Verzicht auf die Forderung nach Zuaten aus tierfreundlicher Produktion beschränkt sich die Existenzberechtigung des V-Labels nach eigenen Angaben des SVV - allerdings zwischen viel aufgeblasener Desinformation zu suchen - darauf, dass das V-Label es dem Konsumenten erspare, die kleingedruckte Warendeklaration zu lesen. Als ob Migros seine Produkte ohne V-Label nicht gross und deutlich mit "ovo-lakto-vegetarisch" anschreiben könnte - grösser und deutlicher als dieser jetzt kleingedruckte Hinweis unter dem V-Label! Inwiefern ist ein grosses V-Label mit kleingedrucktem Hinweis " "ovo-lakto-vegetarisch" eine "klarere Deklaration", als ein grosses Etikett "ovo-lakto-vegetarisch"? Welchen anderen Zweck kann das V-Label haben, als dem Konsumenten täsuchende Vorstellungen zu suggerieren?

Insgesamt ergibt sich die folgende Situation, mit der sich der VgT nicht abfinden wird:

1. Mit dem V-Label wird beim Konsumenten die irrige Vorstellung von ethisch und gesundheitlich besonderer Warenqualität geweckt und das Vorurteil gefördert, Ei-Zutaten seien zB eher verantwortbar als tierische Fette.

2. Weil die so geweckten Erwartungen der Konsumenten unzutreffend sind, rechtfertigt der SVV sein Geschäft mit der angeblich konsumentenfreundlicheren Waren-Deklaration - als ob Migros nur mit Hilfe eines Labels deutlich lesbar "ovo-lakto-vegetarisch" anschreiben könnte!

3. Das V-Label hätte einen Sinn, wenn es streng-vegetarische (vegane) Produkte auszeichnen würde.

4. Die Förderung von Produkten mit tierquälerischen Zutaten mit einem Label widerspricht krass den Idealen der heutigen Tierschutz- und Vegetarismus-Bewegung.  Dass sich daran die Schweizerische Vereinigung für Vegetarismus SVV aktiv beteiligt, ist unerträglich und ruft nach Kampfmassnahmen.

5. Das V-Label dient nach unserer Auffassung lediglich der Verwirrung der Konsumenten auf der einen Seite und dem Kassieren von Lizenzgebühren auf der anderen Seite. Es geht um Marktanteile, nicht um Ethik.

Wo sachliche Argumente fehlen, greift man zu persönlichen Attacken: SVV-Präsident Renato Pichler brüstet sich damit, vegan zu leben, und wirft mir vor, dass ich das nicht tue. Dazu kann ich nur sagen: Ich esse keine Eier, auch keine sogenannten Bodenhaltungs- und Freilandeier und auch keine Eier-Produkte mit seinem V-Label. Und was ich vorallem nicht tue im Gegensatz zu diesem strengen SVV-Veganer: Ich propagiere keine Tierquälerprodukte. Schon vor vielen Jahren habe ich es aufgegeben, für diese oder jene Labels für Freilandfleisch oder Freilandeier Werbung zu machen, weil ich faule Kompromiss jedem einzelnen Konsument überlassen und dazu nicht noch meinen Segen erteilen möchte.

Mit grossem Engagement und einer gross angelegten Flugblattkampagne setzt sich der VgT zur Zeit für eine Aufklärung der Mövenpick-Kunden über die tierschutzethischen Hintergründe von Eiern in Mövenpick-Menüs ein. Wann werden wir das V-Label auf den Mövenpick-Eiprodukten vorfinden, gegen die wir Sturm laufen? Wenn uns eine Vereinigung, die angeblich ähnliche Ziele wie wir verfolgt, so bestechlich ist, dass sie uns zum Hindernis wird, dann schweige ich nicht.

Erwin Kessler, Präsident VgT

 

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