11. Juni 1998
Schächtprozess:
Zürcher Obergericht beantragt dem Bundesgericht eine disziplinarische Bestrafung von Tierschützer Erwin Kessler

11. Juni 1998
An das Schweizerisches Bundesgericht
Kassationshof
1000 Lausanne 14

Sehr geehrter Herr Präsident,

die II. Strafkammer des Obergerichtes des Kantons Zürich hat Ihnen mit Schreiben vom 28. Mai 1998 beantragt, darauf zu "reagieren", dass ich in der eidgenössischen Nichtigkeitsbeschwerde im sogenannten Schächtprozess das Obergericht als "Freisler-Gericht" bezeichnet habe.

Der berüchtigte Nazi-Richter Freisler, welcher nach dem Zwanzigsten Juli 1944 die Prozesse gegen die Hitler-Attentäter geführt hat, wurde zur Personifikation des nationalsozialistischen Justizterrors. In der Tat ist es ein schwerer Vorwurf, das Zürcher Obergericht als Freisler-Gericht zu bezeichnen. Der Vorwurf ist berechtigt: So wie die Nazi-Gerichte den Holocaust gegen Juden und Zigeuner deckten, so deckt das Zürcher Obergericht immer wieder den heutigen Holocaust an den Nutztieren. Wie unter der Nazi-Justiz werden vom Zürcher Obergericht nicht die Täter gerichtet, sondern diejenigen, welche sich gegen den Holocaust mit kritischen Worten auflehnen. Der Unterschied zwischen der heutigen und der Nazi-Zeit ist nicht grundsätzlicher Art: Die Hitler-Attentäter verwendeten Sprengstoff und wurden gehenkt, ich verwende nur Formulierungen, die gewissen Kreisen nicht passen, und werde deshalb ins Gefängnis geworfen.

Der heutige Holocaust an den Nutztieren basiert auf den gleichen Charakterstrukturen wie damals der Holocaust an Juden, Slawen und Zigeunern. Die heutigen Täter und Mitläufer - egal ob im konkreten Fall Tierärzte, Veterinärbeamte, Rabbiner, Richter, Bundesräte, Politiker, Journalisten und Konsumenten - sind um nichts besser als die damaligen Nazi-Verbrecher und deren Karriere-Egoisten und Mitläufer.

Wer sagt, der Vergleich des heutigen Terrors an den Nutztieren mit dem Holocaust sei menschenverachtend, der hat eine tierverachtende Einstellung und die elementarsten Grundsätze einer umfassenden Ethik noch nicht begriffen. Mit meinen Nazi-Vergleichen will ich bewusst machen, dass derart ethisch unterentwickelte Menschen immer noch und massenhaft an den Schaltstellen dieser Gesellschaft sitzen, und dass das der Grund dafür ist, dass der Holocaust der Nutztiere europaweit unvermindert weitergeht.

Den Egoismus der Massen ausnützend, vermochte Hitler ein ganzes Volk hinter sich zu scharen - ähnlich wie die heutigen Führer. Die Abstimmung über die Genschutzinitiative zeigte dies einmal mehr. Sie zeigte aber auch, dass es eine gewichtige Minderheit Erwachter gibt, welche Tier und Umwelt in ihr ethisches Verantwortungsbewusstsein einschliessen. Nicht umsonst nimmt die Mitgliederzahl des VgT trotz Hetzkampagnen in den konservativen Presse anhaltend rasch zu, so dass der VgT in der relativ kurzen Zeit seines Bestehens zu einer der grössten Tier- und Konsumentenschutzorganisation der Schweiz geworden ist. Die skandalöse Verurteilung wegen angeblich rassistischer Schächtkritik hat eine gewaltige Spenden- und Neumitgliederwelle ausgelöst.

Während unsere Öffentlichkeitsarbeit zur Überwindung des heutigen Holocausts den Repressionen einer systematischen Willkürjustiz im Stile Freislers ausgesetzt ist, geht die heuchlerische "Geschichtsaufarbeitung" weiter, welche kein einziges Opfer wieder lebendig macht.

Mit freundlichen Grüssen
Dr Erwin Kessler, Präsident VgT Schweiz


Anmerkung für die Presse:

Das Schreiben des Obergerichtes (zwei Seiten) kann beim VgT per Fax bestellt werden.

Nichtigkeitsbeschwerde, auf welche sich das Obergericht bezieht.

Zum Verständnis wichtig ist auch, was das Obergericht über die Nazi gesagt hat.

Das Obergericht stützt meine Verurteilung auf die Behauptung, niemandem dürfe die Menschenwürde abgesprochen werden - auch dem schlimmsten Tierquäler nicht. Gleichzeitig aber spricht das gleiche Gericht an anderer Stelle den Nazis die Menschenwürde ab, indem es diese als die schlimmsten Verbrecher und Unmenschen bezeichnet. (Ein Unmensch ist ein Mensch ohne Menschenwürde, moralisch ein Nicht-Mensch.) Solch krasse Widersprüche sind typisch für politische Terror-Prozesse, wie sie auch Freisler geführt hat.


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