29. Mai 2001

Erfreulich:
Fleischbranche in der Krise - Grossmetzgerei Gehrig mus Stellen abbauen
aus dem Tages-Anzeiger vom 29. Mai 2001

"Noch andere auf dem Totenbett"

Aggressive Grossverteiler und rückläufiger Fleischkonsum: Grossmetzgereien
geraten unter Druck. Die Balsthaler Gehrig muss 40 ihrer 200 Stellen abbauen.

Von Karin Kofler

Hiobsbotschaft für die Angestellten der Grossmetzgerei Gehrig AG: Das Balsthaler
Unternehmen teilte ihnen gestern mit, dass ein Fünftel der Arbeitsplätze gestrichen wird. Ein
Teil der betroffenen Stellen wird über natürliche Fluktuation aufgefangen; für den Rest wurde
ein Sozialplan ausgearbeitet.

In der Branche wird derzeit darüber spekuliert, ob das traditionsreiche Familienunternehmen
mit 100 Millionen Franken Umsatz in diesen Tagen sogar über die Totalschliessung berät.
Das allerdings dementiert Gehrig-Direktor Martin Tschumi: "Die Banken stehen hinter uns",
sagt er. Tschumi wurde Anfang Mai geholt, um die Grossmetzgerei mit integriertem
Schlachthof wieder auf Vordermann zu bringen und den Umsatzschwund zu stoppen.

Nur 60 bis 70 Prozent ausgelastet

Die Probleme der Gehrig sind symptomatisch für die Branche: die veränderten
Konsumgewohnheiten und der sinkende Fleischkonsum generell. Seit Jahren wird weniger
Fleisch verzehrt (letztes Jahr: minus 1,5 Prozent), und es findet eine Verlagerung vom
Rindfleischkonsum hin zu Geflügel und anderen Fleischsorten wie etwa Straussenfleisch
statt - dies auf Grund der BSE-Krise und seit neuestem auch der Maul- und Klauenseuche.
Doch das ist nur die eine Seite der Medaille.

Gehrig leidet wie viele andere der rund 130 Grossbetriebe auch unter Überkapazitäten. "Nur
60 bis 70 Prozent der vorhanden Schlachtkapazitäten sind ausgelastet", bestätigt Bruno
Kamm, der Präsident des Schweizer Metzgermeisterverbands. Die Infrastruktur ist zudem in
schlechtem Zustand: Die Familie Gehrig hat Investitionen in der Höhe von angeblich 20 bis
30 Millionen Franken auf die lange Bank geschoben. Tschumi selbst will keine Zahlen
nennen.

Angesichts dieser Ausgangslage dürfte sich das Interesse von Käufern in Grenzen halten:
Die Lenzburger Traitafina, die 1998 lange Zeit über eine Übernahme verhandelt hatte, ist
zwar "nach wir vor an Gehrig interessiert, aber nicht mehr zu denselben Konditionen", wie
Traitafina-Chef Hermann Bader betont. Der Präsident des Schweizerischen
Fleischfachverbandes nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er vom Zustand seiner Branche
spricht: "Es sind noch andere auf dem Totenbett", stellt er nüchtern fest. Die Pleite der
Grossmetzgerei Kunz vor einigen Jahren war nur der Anfang. Das Sterben, das bereits bei
den rund 1500 kleinen gewerblichen Metzgereien im Gange ist, hat auf die Grossbetriebe
übergegriffen: Jedes Jahr verschwinden rund 50 von ihnen und damit auch Kunden der
Grossmetzgereien.

Auch Paul Reichmuth von der gleichnamigen Fleischwaren-AG in Schwyz, die rund 50
Millionen Franken Umsatz macht, malt eine düstere Zukunft. "Die Entwicklung ist
verheerend", analysiert er. Vor allem die stets strengeren Auflagen der Behörden in
Zusammenhang mit der Hygieneverordnung machen ihm Sorgen. "Es gibt viel zu viele
Vorschriften." Reichmuth müsste bis 2006 20 Millionen Franken investieren, um den
Schlachthof und die Produktion zu trennen, wie das heute verlangt wird.

Welches ist der Ausweg aus der Misere? Fleischfachmann Hermann Bader hat eine klare
Vorstellung: "Es muss radikal weniger produziert werden, und das mit Qualität. Dann kann
man sich auch dem Preisdiktat entziehen." Deshalb produziert Traitafina seit einiger Zeit die
Swiss-Prim-Linie mit Fleisch von streng kontrollierten Bauernhöfen. Mit den Grossverteilern
Migros und Coop zusammenzuarbeiten, ist nur bedingt eine Alternative. Diese schauen
zuerst, dass sie ihre eigenen Fleisch-Betriebe Micarna respektive die Bell-Gruppe
auslasten. Die beiden beherrschen auch den Fleischmarkt. Klar, dass die beiden
Detailhandelsriesen den "fremden" Zulieferern zudem massive Preiskonzessionen
abverlangen und sie in eine Abhängigkeit bringen können, die nicht nur von Vorteil ist.
Traitafina hat ihre Kundschaft deshalb hauptsächlich in der Gastronomie gesucht.


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