8. Mai/22. Mai 2001

"Lieber WCs verstopfen als Gänse stopfen" vor Gericht

Im Jahr 1994 führte die sog Tierbefreiungs-Front (TBF) unter dem Slogan "Lieber WCs verstopfen als Gänse stopfen" eine Protestaktion gegen mehrere Restaurants in der ganzen Schweiz durch, welche "foie gras" (Stopfleber) auf ihrer Speisekarte führten, sowie auch gegen die Swissair, die ihren first-class Gästen ebenfalls foie gras servierte. In diesen Restaurants sowie auf dem Flughafen Zürich wurden WCs verstopft, was zu erheblichem Aufsehen führte. Tele 24 und mehrere Zeitungen berichteten darüber. Am 7. Mai und 22. Mai 2001 waren nun drei Tierschützer vor dem Bezirksgericht Bülach angeklagt, an Aktionen beim Restaurant Witschi's in Unterengstringen, Restaurant Krone in Sihlbrugg sowie auf dem Flughafen beteiligt gewesen zu sein. Sie wurden von Rechtsanwalt Capt, Wetzikon, verteidigt.

Urteil: Die Angeklagten, die bestreiten, an der WC-Stopfaktion beteiligt gewesen zu sein, wurde aufgrund einer dubiosen Beweisführung zu 7, 10 und 14 Tagen Gefängnis verurteilt.

Rechtsanwalt Capt zeigte erschütternde Videoaufnahmen des Stopfens (Zwangsfütterung) von Gänsen und Stopfen (beim VgT als Leihvideo erhältlich) und hielt das hier auszugsweise wiedergegebene Plädoyer:

Anträge:

  1. Es seien die Angeklagten freizusprechen.
  2. Die Kosten seien auf die Staatskasse zu nehmen.
  3. Die Schadenersatzbegehren seien auf den Zivilweg zu verweisen.
  4. Es sei den Angeklagten eine angemessene Umtriebsentschädigung zuzusprechen.

 Begründung:

Die Angeklagte H lernte anlässlich einer internationalen Tierschutz-Pilgerfahrt in Österreich ein Fernsehteam kennen, welches für das österreichische Fernsehen Aufnahmen machte. Dieses Team zeigte sich interessiert an Tierschutz-Aktivitäten in der Schweiz und plante, für eine Reportage in die Schweiz zu kommen. Bei dieser Gelegenheit übergab die Angeklagte H diesen Fernsehjournalisten diejenige Visitenkarte, die bei den verhafteten Journalisten später beschlagnahmt wurde. Auch mit anderen Schweizer Tierschützern, die an dieser Veranstaltung in Österreich teilnahmen, u.a. dem VgT-Präsidenten Dr. Erwin Kessler, suchten die Journalisten Kontakt und erbaten sich möglichst viele Adressen von Tierschutz-Gruppierungen in der Schweiz. Die geplante Reportage in der Schweiz fand dann ein vorzeitiges Ende, als das Filmteam vor dem Restaurant Krone in Sihlbrugg von der Polizei verhaftet wurde. Das Filmmaterial wurde von der Polizei beschlagnahmt und kopiert. Und diesbezüglich erfolgt bereits der erste Einwand betreffend die Rechtsstaatlichkeit des vorliegenden Verfahrens: Sowohl die Anklageerhebung bezüglich Hotel Krone, Sihlbrugg, sowie Flughafen Kloten basieren auf Videoaufnahmen. Die Polizei ist berechtigt, Gegenstände sicherzustellen, welche voraussichtlich der Beschlagnahme unterliegen. Für die Beschlagnahme bedarf es einer Verfügung der Bezirksanwaltschaft, die mit Rekurs anfechtbar ist (StPO 106b). Eine solche Verfügung ist in den Akten nicht zu finden. Damit war die Beschlagnahme und das Kopieren der Videos rechtswidrig. Die Videoaufnahmen sowie die Print-Bilder sind rechtswidrig beschaffte Beweismittel. Die Verletzung dieser Beweisregeln führen zu einem Bewertungsverbot, d.h. zur Ungültigkeit und Nichtverwertbarkeit der dadurch erlangten Beweise. Effektiv lief die Behändigung dieses Videos in etwa wie folgt ab: Die verhafteten Journalisten wurden mit der Androhung genötigt, die Filme herauszugeben, ansonsten sie solange in Untersuchungshaft behalten würden, bis dass sie die Filme eben freiwillig herausgeben würden. Um ihre Freiheit wiederzuerlangen, mussten die Journalisten die Filme schliesslich herausgeben, welche so den Weg in die Akten fanden. Unverständlich ist, dass diese Journalisten nicht als Zeugen einvernommen sondern lediglich polizeilich befragt wurden.

Zu den einzelnen Vorfällen:

Restaurant Witschi's, Unterengstringen

Den Angeklagten S und P wird vorgeworfen, am 3. September 1994 im Restaurant Witschi's in Unterengstringen eine WC-Stopf-Aktion begangen zu haben; die Angeklagte S tat dies angeblich im Damen-WC, der Angeklagte P in der Herren-Toilette. Als einziges Beweismittel für die Anklage diente die Zeugenaussage des angestellten Kellners welcher am 2. September 1998 einvernommen wurde, also fast auf den Tag genau vier Jahre nach dem Vorfall. Anlässlich der Zeugeneinvernahme vermochte er sich an nichts mehr zu erinnern, sondern musste sein auf italienisch geführtes Tagebuch zur Hand nehmen, um nachzuschauen, was er unter diesem Datum überhaupt eingetragen habe. Vier Jahre nach dem Vorfall will dieser damalige Angestellte nun die beiden Angeklagten, die er gemäss seinen eigenen Angaben nur kurz vor der Tat im Lokal gesehen habe, wiedererkennen. Bezeichnend ist, dass eine polizeiliche Befragung dieses Zeugen unterblieb. Dies, obwohl der zuständige Polizeibeamte, einige Zeit nach dem Vorfall diesen Zeugen aufsuchte, um ihm Fotos der beiden Angeklagten zu zeigen. Dass solche Untersuchungshandlungen nicht in einem Rapport erfasst werden, scheint doch eher ungewöhnlich zu sein. Im Polizeirapport vom 10.11.1994 hatte der Zeuge die Täterschaft beschrieben. Er vermochte sich angeblich daran zu erinnern, dass die Angeklagte 150 bis 165 cm gross war, schlanke bis mittlere Statur, schwarzes schulterlanges Haar hatte und auf der linken Gesichtshälfte ein Muttermal aufwies. Anlässlich der Zeugeneinvernahme erklärte der Zeuge, dass er glaube, dass man ihm damals die ihm anlässlich der Zeugeneinvernahme vorgehaltenen Fotos vorgelegt habe. Sicher war er offenbar nicht. Der Zeuge musste zugeben, dass die anlässlich seiner Einvernahme anwesende Angeklagte kein Muttermal aufweist und auch erheblich grösser als 165 cm ist sowie kein dunkles Haar trägt. Die Widersprüche seiner Personenbeschreibungen konnte er nicht erklären. Die Aussagen des Zeugen sind voller Widersprüche. Es scheint, dass er einfach irgendwelche Tierschützer als Opfer wollte und deshalb - mangels Alternative - die zwei ihm als verdächtig vorgestellten Personen belastete. Eine Auswahl-Gegenüberstellung erfolgte nicht, was vorliegend dem minimalsten Standard eines rechtsstaatlichen Verfahrens entsprochen hätte. Dazu tritt die Tatsache, dass die Behauptung des Zeugen, die Täter hätten sich unvorsichtig im Lokal aufgehalten, völlig unglaubwürdig ist. Dies, weil es einen Hintereingang gibt, der direkt zu den Toiletten führt. Tatsächlich verdächtigen die Leute des Restaurants eine andere Person, nämlich eine in der Region wohnhafte Tierschützerin C. Ihr wurde kurz nach der "WC-Aktion" das Auto demoliert. Den Frankatur-Stempel der Bekennerpost liess die Polizei offenbar verschwinden! Die Anstrengungen von Frau Van Sten und ihrem Rechtsanwalt, dieses wichtige Beweisstück zurückzuerhalten, blieben erfolglos. Die Sache verlief im Sand.

Dem Inhaber des Restaurant Witschi's und seinen "Anhängern" kommt es offenbar nicht darauf an, wer bestraft wird. Es wird einfach Rache an Tierschützern gesucht. Wenn die Strafuntersuchungsbehörden zwei Verdächtige vorstellen, dann wird sofort genickt - Hauptsache, es werden Tierschützer bestraft. Darauf hinzuweisen ist, dass WC-Stopf-Aktionen gegen "Foie Gras-Restaurants" zur selben Zeit in der ganzen Schweiz stattfanden, wie in der Presse zu lesen war. Es wäre gar nicht möglich, dass dies alles von den beiden Angeschuldigten gemacht worden wäre.

Nachdem sich die Anklage einzig und allein auf widersprüchliche und damit unglaubwürdige Aussagen eines vormaligen Angestellten des angeblich Geschädigten stützt, ist - zumindest nach dem Grundsatz in dubio pro reo - der massgebliche Sachverhalt nicht erstellt und sind die beiden Angeschuldigten freizusprechen.

Andernfalls beantrage ich eventualiter die Einvernahme von Frau C als Zeugin. Dies in Nachachtung von § 31 StPO, gemäss welcher Bestimmung nicht nur den belastenden, sondern auch den entlastenden Indizien zu folgen ist, welche elementar Bestimmung die Bezirksanwaltschaft verletzt hat.

Flughafen Kloten

In diesem Fall liegen ausser den aus den dargelegten rechtlichen Gründen nicht verwertbaren Filmaufnahmen keinerlei Tatbeweise vor. Aber sogar wenn die Filmaufnahmen als Beweismittel taugen würden, wäre damit nur scheinbar eine strafbare Handlung bewiesen und zwar aus folgendem Grund: Da die Leute der sog. Tierbefreiungsfront (TBF) sich grundsätzlich nicht filmen lassen wollten, wurden die WC-Stopf-Aktionen - als Protest gegen die Swissair, die damals noch Gänsestopf-Lebern servierte - gemäss meinen Instruktionen von anderen Tierschützern nachgestellt. Diese gaben sich auch - teils maskiert - in gestellten Interviews als TBF-Aktivisten aus. Auf den Filmaufnahmen ist der Angeklagte P zu sehen, wie er das Verstopfen des WC demonstriert. Das WC wurde anschliessend wieder entstopft. Die effektiven Täter, also die Leute der TBF, hätten während ihrer Aktion sicher nicht am hellichten Tageine solche offene Demonstration für das Fernsehen gemacht. Dies alles wurde von den Angeklagten getan, um dem Thema "Gänsestopfen" öffentliche Publizität zu verleihen. Die Angeschuldigten sind engagierte Tierschützer, die sich mit Herz und Seele über die bestialische Prozedur des Gänsestopfes empören und auch darüber, dass unsere nationale Fluggesellschaft solche Tierquäler-Produkte servierte. Die Swissair hat dann kurze Zeit später erklärt, Foie Gras aus ihren Bordmenüs zu streichen - ein tierschützerischer Erfolg, welcher den rein verbalen Protesten der Tierschutz-Organisationen zuvor nicht beschieden war.

Die Anklage stützt sich allein auf die Filmaufnahme, auf denen die Angeklagten H und P zu erkennen sind. Gegen eine dritte Person, die ebenfalls erkennbar war, hat das Gerichtsverfahren bereits mit einem Freispruch geendet.

Eine Gehilfenschaft liegt nicht vor, weil die WC-Stopf-Aktion auch ohne diese Filmaufnahmen durchgeführt worden wäre. Die Aktion wurde von den Angeklagten lediglich publizistisch ausgewertet, was nicht strafbar ist.

Schliesslich sind noch zwei zusätzliche, zum bereits besprochenen Verwertungsverbot der Video-Aufnahmen tretende, formelle Einwände zu erheben:

Restaurant Krone, Sihlbrugg

Hier ist H angeklagt, die auf den Filmaufnahmen sowohl im Flughafen wie auch in diesem Restaurant zu erkennen ist. Zudem hat die Polizei die bereits erwähnte Visitenkarte bei den Unterlagen des Fernseh-Teams gefunden. Wie bereits eingangs erwähnt, interessierte sich das deutsche Fernseh-Team für spektakuläre Aktionen und erhielt z.B. vom VgT verschiedenes Filmmaterial, so auch über die türkische Metzgerei in Lengnau BE, wo der VgT illegales Schächten gefilmt hatte. Die Angeklagte H wollte dem Fernseh-Team diese türkische Metzgerei zeigen, ebenso die von ihr regelmässig durchgeführten Tierschutz-Stand-Aktionen. Sie wurde deshalb zu einer Besprechung in das Restaurant Krone in Sihlbrugg zum Essen eingeladen. Das Fernseh-Team wählte offenbar, wie sich im nachhinein herausstellte, dieses Restaurant, weil es dort ohnehin Aufnahmen machen wollte. Es ist unbekannt, ob dieses Essen vor oder nach der TBF-Atkion stattfand. Jedenfalls hat sich die Angeklagte nicht an dieser WC-Stopf-Aktion beteiligt.

Die Teilnahme der Angeklagten an diesem Essen hat mit einer Täterschaft somit nichts zu tun. Ebenfalls ist mangels irgendeinem Beitrag sowie mangels Vorsatz Gehilfenschaft auszuschliessen. Sonst hätten ja auch die Journalisten, die an diesem Essen teilnahmen, angeklagt werden müssen. Gegen diese wurde aber nie eine Strafuntersuchung eröffnet. Hätte man ausschliesslich der Angeklagten Gehilfenschaft vorwerfen wollen, wäre somit die Unteilbarkeit der Anklage verletzt worden. Dies nur ergänzend zur Tatsache, dass die Angeklagte H zu dieser Aktion keinerlei Beitrag leistete, womit sie freizusprechen ist.

Strafzumessung

Obwohl vorliegend ein Freispruch auf der Hand liegt, ist i.S. der Eventualmaxime im folgenden für den Fall zur Strafzumessung zu plädieren, dass das Gericht wider Erwarten nicht zu einem Freispruch gelangen würde.

Zur Beurteilung der Frage des Verschuldens sind in erster Linie die Motive zu berücksichtigen. Hierzu ist der Hintergrund darzulegen, auf Grund dessen die diversen WC-Stopf-Aktionen begangen wurden:

Die Produktion von Foie Gras ist eine derart bestialische Prozedur, dass von einem Verbrechen gegen die Natur gesprochen werden muss. Weil das schweizerische Tierschutzgesetz die Zwangsfütterung von Tieren verbietet, wird Foie Gras importiert, was leider unverständlicherweise nicht verboten ist.

Gänsestopfleber heisst in der Gastronomiesprache vornehm "Foie Gras", was wörtlich "Fettleber" bedeutet. "Foie Gras" wird hauptsächlich in Frankreich und Ungarn produziert. Zunehmend werden nicht mehr Gänse, sondern Enten gestopft, weil Enten duldsamere Tiere sind und sich bei dieser grässlichen Prozedur weniger wehren. Der Vorgang ist im Wesentlichen immer derselbe: Dem Tier wird ein langes Metallrohr in den Hals gesteckt bis hinunter in den Magen. Dann wird mit einer elektrischen Pumpe ein Futterbrei hineingepumpt, gerade so viel, dass der wirtschaftliche Verlust infolge geplatzter Mägen der Tiere nicht allzu gross wird. Dieses Stopfen wird mehrmals täglich wiederholt. Dadurch schwillt die Leber des Tieres auf das Mehrfache der normalen Grösse an. Diese künstlich vergrösserte Leber übt einen solch starken Druck auf die übrigen Organe aus, dass die zu Fressmaschinen degradierten Gänse und Enten kaum noch atmen und sich auf den Beinen halten können. Die Tiere leiden unendliche Qualen.

Der Deutsche Tierschutzbund schrieb dazu in seiner Zeitschrift "Du und das Tier" (6/96) folgendes: "Stopfleber - Delikatesse aus der Folterkammer... bei Tieren, die in sog. modernen Betrieben mit maschinellen Futterpumpen gefüttert werden, dauert der Stopfvorgang, wie Dr. Richard Faust von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt feststellte, 45 Sekunden. Bis zu 60 Tiere in der Stunde können so gequält werden. Zwei- bis dreimal pro Tag müssen die Vögel diese grauenvolle Prozedur über sich ergehen lassen. Dabei wird täglich mehr als 1,2 kg Maisbrei in sie hineingepresst, der auch mit Gänse- oder Schweineschmalz versetzt sein kann, damit das Ganze besser rutscht. Die Menge der verabreichten Nahrung liegt drei- bis viermal über dem natürlicherweise aufgenommenen Futterquantum. Je schneller die riesigen Futtermengen eingepumpt werden, desto grösser ist zudem das Risiko von Verletzungen der Speiseröhre und des Magens, schlimmstenfalls bis zum Platzen. Folge dieser widernatürlichen Zwangsernährung ist auch, dass die Leber um das 13fache ihrer Grösse und von einem Normalgewicht von etwa 100g auf zwei bis drei Kg anschwillt."

Die nach diesen Dauer-Folterungen krankhaft vergrösserte Leber wird dann in skrupellosen Gourmet-Restaurants als "Foie Gras" serviert - bis zur fraglichen Aktion auch an Bord unserer nationalen Fluggesellschaft Swissair.

Die Foie-Gras-Gastronomie rechtfertigt den Verkauf dieser Tierquäler-Produkte damit, Gänse und Enten verfügten über einen Instinkt, sich im Herbst Fettreserven anzufressen; das Stopfen entsprechen diesem Instinkt. Dabei handelt es sich um eine völlig unhaltbare Schutzbehauptung. Wenn sich die Enten und Gänse freiwillig eine Fettleber anfressen würden, hätte niemand etwas dagegen. Dass sie aber mit Gewalt gestopft werden müssen, beweist gerade, dass sie eben nicht freiwillig so viel fressen. Jede Form von Zwangsfütterung ist unmenschlich. Eigentlich müssten die Swissair-Manager hier vor Gericht stehen und nicht verantwortungsbewusste Bürger, die aus edler Gesinnung einen Protest gegen dieses Verbrechen an Wehrlosen unterstützt haben.

Die Aufzucht und Haltung der Gänse zur Produktion von Foie Gras ist unterschiedlich. Vorwiegend werden sie in Käfigbatterien gehalten: Jedes Tier in einem Käfig eingesperrt der nur gerade so gross ist, wie der Körper des Tieres. Der Kopf ragt aus einem Loch im Käfig heraus. Den endlosen Käfigreihen entlang fährt ein kleines Fahrzeug mit der Futterbrei-Pumpe. Der Tierfabrik-Arbeiter braucht nur noch einen Kopf der wehrlosen Tiere nach dem anderen zu packen und ihm das Rohr in den Hals zu stecken. Den Rest besorgt die fahrbare Futterpumpe. In traditionellen Betrieben geht es nicht weniger brutal zu und her, nur mit etwas mehr Handarbeit: Ein Tier um das andere wird aus der dichtgedrängten Schar der in einem engen Verschlag gehaltenen Tiere herausgeholt. Dazu wird es am Kopf gepackt und - frei am gestreckten Hals hängend - hinausgetragen. Das Tier zappelt, schlägt mit den Flügeln und erstickt fast. Dann werden die Flügen und Füsse des Tieres mit Klammern fixiert und es wird ihm ein Rohr in den Hals gesteckt. Das Stopfen selbst erfolgt auch hier mit einer Elektropumpe, welche den Futterbrei, den der Arbeiter oder die Arbeiterin fortwährend in einem Trichter schöpft, in den Magen des Tieres presst. Der ganze Vorgang ist schon verschiedentlich im Fernsehen gezeigt worden. Ein paar Auszüge sind auf einer Video-Cassetten zusammengefasst (7 Minuten).

Die Manager der Swissair sowie diverse Restaurant-Besitzer wussten nun nichts Gescheiteres, als dieses tierschützerische Verbot durch Beschaffung von Foie Gras aus dem Ausland zu umgehen und ihren First-Class-Fluggästen sowie Restaurant-Gästen dieses widerliche Tierquäler-Produkt zu servieren. Gegen diese verwerfliche Gesinnung der Swissair-Direktion richtete sich die Protest-Aktion, nachdem die Swissair auf freiwilliger Basis keine Einsicht an den Tag gelegt hatte.

Der Bundesrat kann gemäss Art. 9 des Tierschutzgesetzes den Import bestimmter Produkte aus Tierschutzgründen untersagen. Doch alles, was der Bundesrat im Tierschutz nur "kann", nicht "muss", tut er nicht. Der Bundesrat kann es sich leisten, auf dem Gebiet des Tierschutzes den Volkswillen andauernd zu missachten, denn das Volk darf den Bundesrat nicht wählen. Dieser ist nur den vor allem wirtschaftlich interessierten Interessengruppen im Parlament verantwortlich. Menschen, die sich ein gesundes Empfinden gegenüber Mitgeschöpfen bewahrt haben, sind unerträglich der Ohnmacht ausgeliefert, dass gewerbsmässige Tierquäler und ihre Helfer vom Staat geschützt werden. Die Angeschuldigten, welche mit grossem Idealismus die Möglichkeit wahrnahmen, etwas gegen dieses widerwärtige Verhalten der Swissair und der beiden angeblich geschädigten Restaurant-Besitzer zu unternehmen, verdienen eine Auszeichnung und nicht eine Bestrafung.

Für einen anständigen und verantwortungsbewussten Bürger ist es unzumutbar, einem solchen Verbrechen, wie es die Herstellung und der Handel mit Gänse- und Enten-Stopfleber darstellt, einfach tatenlos zuzuschauen. Dass die vorsätzliche Umgehung des Schweizer Tierschutzgesetzes nicht strafbar ist, ist ein gravierender Mangel unserer Rechtsordnung, für den nicht die Angeschuldigten verantwortlich gemacht werden können.

Was die unbekannten Aktivisten des TBF bei dieser WC-Stopf-Aktion gemacht haben, ist im weitesten Sinn kein Delikt, sondern im juristischen Sinn ziviler Ungehorsam, welcher definitionsgemäss wie folgt beschrieben wird (Nico Fleisch: Ziviler Ungehorsam - oder gibt es ein Recht auf Widerstand im schweizerischen Rechtsstaat): "Ziviler Ungehorsam ist ein öffentlicher und gewaltfreier Akt des Protestes gegen ein auch für Dritte einsehbar und nachvollziehbar als schweres Unrecht empfundenes Verhalten der staatlichen Gewalt; er entsteht aus einer achtenswerten politisch-moralischen Motivation." Ziviler Ungehorsam kann auch als Widerstand auf einem ganz bestimmten Gebiet definiert werden, der von Menschen geleistet wird, die im übrigen zu diesem Staat stehen und ihren Bürgerpflichten nachkommen. Das ist - neben der Gewaltlosigkeit - der entscheidende Unterschied zu Terroristen, Vandalen und Chaoten. Selbstverständlich muss ziviler Ungehorsam in einem demokratischen Rechtsstaat die Ausnahme bilden. Da sich ziviler Ungehorsam definitionsgemäss gegen schwere Ungerechtigkeit richtet, die in einem demokratischen Rechtsstaat eigentlich gar nicht vorkommen dürfte, ist ziviler Ungehorsam schon von der Definition her nur eine Ausnahme und keine Gefahr für die Rechtsordnung. Dies jedenfalls so lange nicht, als sich schwere Ungerechtigkeiten nicht derart häufen, dass von einem Rechtsstaat gar nicht mehr gesprochen werden kann.

Angesichts des anhaltenden ungeheuren Massenverbrechens an den Tieren ist es für verantwortungsbewusste Bürger unzumutbar geworden, endlos nutzlose Beschwerden einzureichen und im übrigen dem Geschehen tatenlos zuzusehen. Schon Goethe sagte kurz und bündig: "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zu Pflicht." Gestützt auf die dargelegte Situation bzw. die dargelegten Beweggründe der Angeklagten ist bei der Strafzumessung - wenn überhaupt - von einem absolut minimalen Verschulden der Angeklagten auszugehen.

In den mir als Verteidiger der Angeklagten zur Verfügung gestandenen Akten sind über deren Leumund keine Unterlagen enthalten. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die Angeklagten über tadellose Leumunde verfügen, was bei der Strafzumessung strafmindernd zu berücksichtigen ist.

Gestützt auf die dargelegten Strafzumessungsgründe erscheinen die von der Bezirksanwaltschaft beantragten Strafen von 12 Tagen Gefängnis und Fr. 700.-- Busse (Angeklage S), 21 Tagen Gefängnis und Fr. 900.-- Busse (Angeklagter P) bzw. 10 Tagen Gefängnis und Fr. 500.-- Busse (Angeklagte H) erheblich zu hoch zu liegen. Angemessen wäre allerhöchstens eine geringe Busse.


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