8. Februar 2000

VgT reicht bei der UBI Beschwerde gegen SF DRS ein:
"Bodenhaltung" von Hühnern als Freilandhaltung dargestellt nicht richtiggestellt

 

Beschwerde

gegen die

Sendung "Schweiz Aktuell" vom 20. Dezember 1999

mit dem Antrag:

Es sei festzustellen, dass SF DRS in der Sendung "Schweiz Aktuell" vom 20. Dezember 1999 die Konzession, insbesondere die Pflicht zu sachgerechter Information, verletzt hat, indem der falsche Eindruck erweckt wurde, Bodenhaltung von Legehennen sei gleichbedeutend mit Freilandhaltung, und dieser falsche Eindruck vorsätzlich nicht richtiggestellt wurde.

Begründung:

Der VgT Schweiz ist eine der grössten Tier- und Konsumentenschutzorganisationen der Schweiz mit zur Zeit bereits rund 11 000 Mitgliedern. Der VgT ist spezialisiert auf den Bereich der Nutztiere und betreibt unter anderem Konsumentenaufklärung über die Haltung von Legehennen und Eierdeklaration und hat deshalb eine enge Beziehung zum Gegenstand der beanstandeten Sendung im Sinne von RTVG Artikel 63 Absatz 1 Buchstabe b. Zudem ist diese Beschwerde von über 20 Mitunterzeichnern unterschrieben, womit auch die Anforderung gemäss RTVG Artikel 63 Absatz 1 Buchstabe a erfüllt ist. Aus jeder dieser Anforderungen einzeln ergibt sich die Beschwerdelegitimation, die somit unzweifelhaft gegeben ist.

In der beanstandeten Sendung vom 20. Dezember 1999 ging es um mit Salmonellen verseuchte importierte ausländische Bodenhaltungs-Eier, verkauft in diversen Läden in der Schweiz (Migros, CCA, Epa, Pick Pay, Primo & Vis-à-Vis). Dazu wurden Hühner in Freilandhaltung gezeigt, die fröhlich Gras pickten.

Diese irreführende, falsche Bebilderung der Nachricht ist von grosser konsumentenschützerischer Bedeutung, aus folgendem Grund:

Seit Jahren bemühen sich Tier- und Konsumentenschutzkreise in der Schweiz, den Konsumenten den bedeutenden Unterschied zwischen Boden- und Freilandhaltung bekannt zu machen, da erfahrungsgemäss viele Konsumenten bis heute die beiden sehr unterschiedlichen Haltungssysteme verwechseln. Unter "Bodenhaltung" verstehen viele Konsumenten Tierhaltung auf dem Erdboden und damit Freilandhaltung. In Tat und Wahrheit ist Bodenhaltung eine Form extremer Intensivhaltung in geschlossenen, dicht mit Tieren gefüllten Hallen, oft ohne Tageslicht.

Ein typisches Beispiel einer Hühnerfarm mit "Bodenhaltung" aus dem Kanton Zürich haben wir im Internet dargestellt (www.vgt.ch/vn/9903/vn99-3.htm). Bei Freilandhaltung dagegen müssen die Hühner regelmässig Auslauf ins Freie haben - ein aus konsumenten- und tierschützerischer Sicht wesentlicher Unterschied.

Die Verwechslung der Bilder in der beanstandeten Sendung ist selbst ein Beispiel, wie diese zwei Haltungsformen von tier- und konsumentenschützerischen Laien verwechselt werden.

Wir beanstanden nicht so sehr die falschen Bilder, sondern die Weigerung von SF DRS, den Fehler zu berichtigen, weil damit wichtige Öffentlichkeitsarbeit im Konsumentenschutz torpediert wird.

Am 20. Dezember 1999, unmittelbar nach der Sendung, beschwerte sich Frau Marcela Frei aus Wolfertswil, Konsumentin und Mitglied des VgT, in einem Email an SF DRS über die falschen Bilder und erhielt folgende Antwort:

Sehr geehrte Frau Frei, Im Aktualitätsstress zeigten wir tatsächlich Hühner aus einer Freilandzucht und nicht aus Bodenhaltung, wir entschuldigen uns.

Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis und freuen uns, Sie als kritische Zuschauerin unter unserem Publikum zu wissen.

Frohe Festtage und einen guten Rutsch ins Jahr 2000.

Mit freundlichen Grüssen

SCHWEIZ AKTUELL

Daniela Fehr   chaktuell@sfdrs.ch

Darauf schrieb Frau Frei:

Sehr geehrte Frau Fehr, es würde mich freuen, wenn man diesen Fehler korrigieren würde. Ich hätte Bilder aus Bodenhaltung, die ich zu Verfügung stellen würde. Entschuldigen sollten sie sich bei den Zuschauern, die sie so getäuscht haben.

Freundliche Grüsse

Marcela Frei

SF DRS weigerte sich hierauf klar, die Falschinformation richtig zu stellen:

Sehr geehrte Frau Frei

Natürlich kommen wir nicht nochmals darauf zurück. Ich darf Sie daran erinnern, dass es sich um eine ca. 20-sekündige Mitteilung gehandelt hat.

Wir würden mehr Verwirrung stiften, als etwas aufzuklären. Selbstverständlich haben wir in unserem Archiv auch Bilder aus Bodenhaltung.

Mit freundlichen Grüssen

SCHWEIZ AKTUELL

Daniela Fehr

Zu Recht antwortetet darauf Frau Frei was folgt:

Sehr geehrte Frau Fehr

Es spielt keine Rolle, wie lange die Sendung gedauert hat, wichtig ist, was Konsumenten danach denken! ... Zum Glück kann ich ZDF empfangen, die zeigen nämlich richtige Realitätsbilder aus der Tierhaltung, auch aus der Schweiz !

Marcela Frei

An diesem Punkt der fruchtlosen Intervention von Frau Frei meldete ich als Präsident des VgT zu Wort:

Sehr geehrte Frau Fehr,

Frau Frei hat mir die Korrespondenz mit Ihnen zugestellt (in unserem Internet-Forum veröffentlicht, http://www.vgt.ch/forum/forum_1999.htm ). Ich bin ebenfalls der Meinung, dass sich eine Richtigstellung aufdrängt. Dass Ihre Fernsehmacher Boden- und Freilandhaltung verwechseln ist typisch. In vielen Konsumentenköpfen wird das dauernd verwechselt, umso schlimmer, wenn dies noch durch falsche Reportagen verstärkt wird. Die sogenannte "Bodenhaltung" ist - so wie sie leider praktiziert wird - eine absolute Katastrophe für die Tiere, nicht viel weniger schlimm als die Käfighaltung. Typische Bilder finden Sie unter www.vgt.ch/vn/9903/vn99-3.htm

Mit freundlichen Grüssen

Erwin Kessler, Verein gegen Tierfabriken Schweiz VgT

Die Antwort war höflich aber unverbindlich. So speisen uns Instanzen ab, welche noch nicht begriffen haben, dass man so andere Tier- und Konsumentenschutzorganisationen ruhig stellen kann, nicht aber den VgT:


Herr Kessler

vielen Dank für Ihren Hinweis auf die Internet-Seite. Wir werden bei

nächster Gelegenheit davon Gebrauch machen.

Mit freundlichen Grüssen

SCHWEIZ AKTUELL

Daniela Fehr

Diese Weigerung, die Falschinformation unverzüglich richtig zu stellen, ist als Konzessionsverletzung zu verurteilen. Sie ist aus journalistischer Ethik nicht vertretbar und verletzt Artikel 3 und 4 des Radio-Fernseh-Gesetzes, welche sachgerechte Information vorschreiben. Die Manipulation der Konsumenten durch - bewusste oder unbewusste - Vortäuschung, Bodenhaltung von Hühnern sei gleich Freilandhaltung, verletzt diese Vorschrift in einem sensiblen Bereich, wo viele Konsumenten aus Idealismus und Liebe zu den Tieren freiwillig höhere Preise bezahlen. Es ist unvereinbar mit der Pflicht zu sachgerechter Information, solchen Idealismus von Konsumenten mit unwahren Fernsehberichten irrezuführen. Konsumententäuschungen mit dem Mittel des Schweizer Staatsfernsehens ist als gravierende Konzessionsverletzung zu werten. Aus diesem Grund bitte ich Sie, bei den Verantwortlichen darauf hin zu wirken, dass die Falschinformation rasch und eindeutig klargestellt wird und der Unterschied zwischen Boden- und Freilandhaltung ohne jede Beschönigung gezeigt wird. Entsprechende Bilder, welche die Realität zeigen (nicht irgendwelche Vorzeige-Archivaufnahmen), haben wir SF DRS bereits in obiger Korrespondenz angeboten.

Mit Eingabe vom 28. Dezember1999 haben wir die Sache per Fax der Ombudsstelle von SF DRS, Otto Schoch, vorgelegt. In einer gleichentags verfassten Zwischenantwort hatte dieser Unverfrorenheit, uns die Schuld für den beanstandeten, irreführenden Fernsehbericht zuzuschieben, mit folgenden Worten:

"In diesem Zusammenhang stelle ich fest..., dass die Tier- und Konsumentenschützer offensichtlich ihre Hausaufgaben nur ungenügend gemacht haben. Sonst hätte es nicht passieren können, dass Medienschaffende ... so ärgerliche Fehler zu verantworten haben."

Da bemühen wir uns mit allen uns zur Verfügung stehenden publizistischen Mitteln (VgT-Nachrichten, Internet) hartnäckig und unablässig, die Öffentlichkeit aufzuklären und sollen schliesslich schuld sein, wenn sich ignorante Fernsehmacher von SF DRS einen Deut um unsere Konsumenteninformationen kümmern und es nicht für nötig befinden, diese zur Kenntnis zu nehmen, wenn sie über einschlägige Themen berichten. Diese Ombudsstelle von SF DRS, die offensichtlich nur eine Feigenblattfunktion hat, kann nicht ernst genommen werden. Es ist deshalb auch sinnlos und unzumutbar, auf deren Schlussbericht vom 7. Februar 2000 im Einzelnen einzugehen; es ist insgesamt als bürokratisches Blabla zu werten. Mit der willkürlichen Behauptung, jetzt noch eine Berichtigung auszustrahlen, sei unverhältnismässig und würde "neue Verwirrung stiften", stellt die Ombudsstelle nur ihre Unfähigkeit, ihre Aufgabe zu erfüllen, unter Beweis: Dass nicht rascher gehandelt und nicht unverzüglich eine Berichtigung gesendet wurde, geht auf Konto SF DRS und deren Ombudsstelle und ist deshalb ungeeignet, unsere Beschwerde zu entkräften. Gerade das bewusste Unterlassen einer umgehenden Richtigstellung macht nach unserer Auffassung die klare Konzessionsverletztung aus. Dass SF DRS völlig unverbindlich in Aussicht stellt, vielleicht einmal irgendwie die Thematik Bodenhaltung-Freilandhaltung aufzugreifen, falls dies vielleicht wieder einmal aktuell werde, und dann vielleicht auch - "falls nötig" - den Zuschauern die Unterschiede zwischen Boden- und Freilandhaltung zu erörtern, kann nicht im Ernst die klare Konzessionsverletzung beseitigen. Im entbehrt die Behauptung der Ombudsstelle, eine Richtigstellung, die erst jetzt ausgestrahlt werde, würde nur "neue Verwirrung stiften" jeglicher sachlichen und logischen Grundlage. Der Unterschied zwischen Boden- und Freilandhaltung kann kurz und klar dargestellt werden. Verwirrung gestiftet hat SF DRS nur damit, dass zu einem Bericht über Bodenhaltungseier Bilder aus einer Freilandhaltung gezeigt hat. Das ist unakzeptabel, und die arrogante Verweigerung einer Richtigstellung ist noch unakzeptabler.

Ich bitte Sie deshalb, mit der Feststellung einer Konzessionsverletzung zu signalisieren, dass es nicht angehen kann, dass die Verantwortlichen des Schweizer Fernsehens trotz Verpflichtung zu sachgerechter Information Konsumententäuschungen derart leicht nehmen.

Mit freundlichen Grüssen

Dr Erwin Kessler
Präsident Verein gegen Tierfabriken Schweiz VgT


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