24. Januar 2002

Zur Freigabe des Schächtens in Deutschland

von Ines Odaischi
Färbergasse 13, D-68526 Ladenburg

Grundsätzliche Freigabe des betäubungslosen Schächtens in Deutschland nach § 4a Ziff. 2 TierSchG
Anlaß Verfassungsgerichtsurteil vom 15. Jan. 2002 (Freigabe des betäubungslosen Schächtens nach islamischem Ritus)

Weder Islam noch Judentum liefern den unerlässlichen Beweis, dass das betäuhungslose Schächten unerlässlicher Bestandteil ihrer Religionsfreiheit sei.

Islam

Es liegen eine Stellungnahme der Universität Al-Azhar, Kairo, vorn 25. 2. 82 (Reg.Nr. 458) sowie der Republik Libanon, Kanzlei des Ministerrates, Sunnitische Sheriatsgerichte vor (Quelle: Dr. Werner Hartinger, Das betäubungslose Schächten der Tiere im 20. Jahrhundert), die eindeutig die Betäubung vor dem Schlachten bzw. Schächten freigeben.

Wenn der Islam sich darauf beruft, dass dies für viele Moslems nicht ausreichend sei, weil der Islam keine einheitliche Dogmatik entwickelt hat, hat dies nicht Deutschland (hier grundsätzlich Betäubungspflicht) zu verantworten. Ich bin der Auffassung, dass sich deshalb in diesem Punkt unsere moslemischen Mitbürger nach dem deutschen Recht zu richten haben.

Judentum

Weder Bibel noch Talmud kennen ein Betäubungsverbot, vorgeschrieben ist lediglich der Blutentzug vor Weiterverarbeitung dee geschlachteten Tieren (an sich eine gute Vorschrift, weil so der endgültige Tod des Tieres abgewartet werden muß).

Die Betäubung wird abgelehnt nach Deut 12,21. Zitat nach I. M. Levinger, Schechita im Lichte des Jahres 2000, S. 19: "Die biblische Vorschrift, die das Schächten betrifft, wie wir sie in der Tora (Deut 12:21) finden, lautet: 'Du sollst von Deinem Grossvieh und Kleinvieh schlachten, so wie ich Dir befohlen habe...' Diese Wörter 'wie ich Dir befohlen habe' sind sehr interessant, denn wir finden in der ganzen Bibel keinen weiteren Hinweis. Da wir aber glauben, dass es eine noch ältere Vorschrift geben muss, müssen wir auf die mündliche Lehre zurückgreifen."

Ich habe die von Levinger angegebene Textstelle im Kontext (Dtn 12,1 31; 13,1/Biblia Hebraica) überprüft. Die Aussage Levingers ist exegetisch nicht haltbar. Der Text ist in sich geschlossen mit Literaturschutzformel in 13.1: Gattung, Zentralisationsgesetz (Laienunterweisung); Inhalt: Freigabe der profanen Schlachtung. Die Vorschrift ist einwandfrei im Text selbst enthalten (Verbot des Blutgenusses; du sollst nicht das Fleisch mit seinem Blut essen, in dem seine Seele ist; Ve 16,23-25 (insistierend). Evtl gibt es auch bei der Freigabe der profanen Schlachtung das Gebot der Aussonderung der Erstgeburt, aber dies interessiert hier nicht. Wichtig ist das absolute Blutgenussverbot; ansonsten darf das Haustier gegessen werden wie Gazelle und Hirsch (Wild), und zwar vom "reinen" wie vom "unreinen" Menschen, also ohne jegliche Beschränkung.

Mit dem Buch Levingers habe ich mich schriftlich auseinandergesetzt (auch in bezug auf tiermedizinische Fragen, natürlich nicht ohne Beratung Tiermedizinern und der Lektüre von Hartinger, Schächten. Das betäubungslose Schächten ist einwandfrei Tierquälerei (ob nun nach jüdischem oder islamischem Ritus). Meine Auseinandersetzung liegt dem Landesrabbinat Baden-Württemberg, Stuttgart, vor. Die genannte Stelle hat sich nicht dazu geäussert. Die Arbeit liegt auch Dr Levinger vor; aus dem Gespräch mit ihm habe ich den Eindruck gewonnen, dass auch Dr Levinger im Grunde genommen eine gute Betäubung sucht (aber ich gebe hier ausdrücklich meinen Eindruck wieder und stelle nicht die Behauptung auf, dass es tatsächlich so ist).

Mir liegt auch noch ein Schweizer Artikel zum Schächten vom Präsidenten des Israelitischen Gemeindebundes Dr Alfred Donath, Genf, vor (Neue Züricher Zeitung vom 12. 12, 2001). Ich zitiere hieraus wörtlich: "Auch wenn Juden nicht täglich nur koscheres Fleisch essen, wird bei jeder Festmahlzeit, sei es anlässlich einer Hochzeit oder beim Feiern einer Geburt, immer nur geschächtetes Fleisch serviert, so dass durch die Aufhebung des Verbotes in der Tat die 18 000 Juden, die in der Schweiz leben, betroffen. Meine Anfrage an ihn, inwieweit nach dieser Aussage noch von einer zwingenden Religionsvorschrift zu sprechen ist (in Deutschland wäre das die Bedingung der Ausnahmegenehmigung), wurde nicht beantwortet.

Den Deutschen (vielleicht auch den Schweizern), und damit meine ich alle Menschen, Behörden, auch Kirchen, sei gesagt, dass man begangenes Unrecht nicht durch neues Unrecht wieder gut machen kann. Bei den früheren Anfeindungen ohne jeglichen Grund und erst recht bei der Verfolgung im Dritten Reich (Nazideutschland) hätte das Judentum Anspruch darauf gehabt, dass man es ohne Wenn und Aber verteidigt und schützt. Der Fall liegt aber bei der Frage des betäubungslosen Schächtens ganz anders; hier geht es um Tierschutz, also um einen ganz konkreten Fall, in dem das an sich ethisch hochstehende Judentum falsch liegt, unbenommen der Tatsache, dass es auch auf nichtjüdischen Schlachthöfen, wie leider bekanntgeworden, auch nicht tierschutzgerecht zugeht, aber dies müsste gesondert angegangen werden, und dies wird ja zum Teil auch schon getan.

Ich fühle mich bei der Freigabe des betäubungslosen Schächtens durch die Behörden in meiner grundgesetzlich verankerten Menschenwürde und meinem Recht auf Unversehrtheit verletzt.


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